1. August in Würenlos

Am 1. August hatte ich in Würenlos die schöne Aufgabe, eine Festrede zu halten!

Rede 1. August Würenlos – Yvonne Feri
Es gilt das gesprochene Wort

Liebe Festbesucherinnen und Festbesucher, Grüezi mitenand

Ihr heutiges Motto lautet «Generationen feiern zusammen» - wenn ich in die Runde schaue, ist das tatsächlich so. Von jüngeren bis älteren Leuten – und noch jüngeren und noch älteren – alle Generationen sind vertreten. Das freut mich sehr. Ebenso freut es mich, dass ich heute zu Ihnen sprechen darf und bedanke mich für die Einladung.  

Im Vorfeld dieser Rede habe ich mir lange überlegt, welches Thema angemessen ist für diesen Anlass – abgesehen vom Generationenmotto. Möchten Sie etwas über Ihre Gemeinde hören? Oder Worte über den Kanton Aargau? Als Nationalrätin sind für mich natürlich auch ein paar politische Gedanken verlockend! Oder vielleicht doch etwas über das Geburtstagskind Schweiz? Oder den Sinn und Unsinn von Geburtstagsfeiern? Auch Wikipedia konnte mir nicht weiterhelfen.

Deshalb habe ich mich entschieden, liebe Anwesende, von allem etwas herauszupicken mit dem Ziel, dass alle Generationen zumindest ein paar Gedanken bereichernd finden und ich Sie nach diesen paar Minuten heiter in den restlichen Abend verabschieden kann.

Wie es sich gehört, beginne ich die Geburtstagsrede mit den Glückwünschen für das Geburtstagskind: Liebe Schweiz, ich gratuliere dir zu deinem Geburtstag und wünsche dir alles Gute. Eine funktionierende Wirtschaft, genügend Arbeitsplätze für alle BewohnerInnen, ein achtsames Umgehen mit der Umwelt und den Menschen und vor allem Frieden und Sicherheit. Ich bin froh und dankbar, dass ich hier leben darf. Hier werden die Menschenrechte respektiert, ich fühle mich sicher und wohl. Fast alle von uns haben genügend zu essen und besitzen mehr als nur das Lebensnotwendige.

Alle hier Anwesenden gehören zur Schweiz. Alle, die hier leben, machen die Schweiz aus. Und sicher können wir auch alle nachvollziehen, dass es für Aussenstehende verlockend erscheint, hier in diesem schönen Land zu leben. Unter diesem Aspekt kann ich verstehen, dass in dieser Zeit mit dieser enormen Migrationswelle auch viele Menschen zu uns kommen. Ich kann auch verstehen, dass es für viele Schweizerinnen und Schweizer, aber auch für die Asylsuchenden keine einfache Situation ist. Es soll nichts schöngeredet werden, ganz klar gibt es Probleme, wenn verschiedene Welten und Kulturen aufeinandertreffen – das merken wir ja auch in unseren engsten Beziehungen. Aber eine multikulturelle Gesellschaft bringt auch Farbe und Abwechslung in unser Leben. Die meisten von uns essen doch gerne Pizza, asiatisches oder einen Kebab! Tango, Salsa, Tai-Chi, Judo, Djembé, Shiatsu, Ayurveda – das alles – und noch vieles mehr – begleiten und bereichern unseren Alltag. Ich denke, dass wir mit Freundlichkeit und Offenheit gegenüber Neuem und Anderen einen grossen Schritt in die richtige Richtung machen.

Wir sind doch auch stolz darauf, dass unser Land aus drei Landesteilen bestehen und dazu vier verschiedene Sprachen gesprochen werden. Auch hier leben wir ein konstruktives Miteinander, auch wenn wir uns anders ausdrücken und sich die Kulturen unterscheiden – ich kann Ihnen sagen, das Walliserdeutsch ist für mich eine grosse Herausforderung und trotzdem mag ich auch diese Landsleute. Demokratie, Solidarität, Toleranz und gegenseitiger Respekt sind Werte, die uns darin unterstützen. Und ich selber bin gespannt, aus welcher Sprachregion wir im September einen Bundesrat oder eine Bundesrätin wählen werden!

An dieser Stelle wollte ich ein paar Fakten über die Schweiz, unseren schönen Kanton und über Würenlos erzählen. Beispielsweise, dass mit dem Kloster Fahr zu Ihrer Gemeinde eine Enklave gehört, die ganz vom Kanton Zürich umschlossen ist. Oder über das Wahrzeichen Ihrer Gemeinde, den «Fressbalken» Immerhin ist diese Autobahnraststätte eines der grössten Gebäude dieser Art in Europa.

Aber seit meinen Worten über Menschen, die bei uns Unterschlupf suchen, spukt mir vor allem das Wort Heimat im Kopf herum. Das ist es doch, was unser Land und unser Wohnort für uns ausmacht. Es ist für mich undenkbar, keinen Ort zu haben, an dem ich mich wohl und sicher fühle, der mein Zuhause ist. Auf meine Frage an junge Leute, was Zuhause bedeutet erhielt ich folgende Antwort: «Zuhause ist dort, wo sich das Handy automatisch mit dem WLAN verbindet.» Aber so einfach ist es wohl doch nicht. Was macht für Sie Heimat und Zuhause aus? Für mich ist es der Ort, wo meine Wurzeln sind, wo ich mich der Gemeinschaft zugehörig fühle und der meine Einstellungen und Wertvorstellungen prägt. Der russische Schriftsteller Dostojewski meinte Folgendes dazu: «Ohne Heimat sein heisst leiden».

Nun erlauben Sie mir noch ein paar Sätze zur Politik. Als Nationalrätin spreche ich, wie eingangs bereits erwähnt, natürlich auch gerne über Aktuelles und anstehende Abstimmungen in unserem Land. Im nächsten Monat wird die Bundesratswahl sicher ein Highlight! Aber auch die Abstimmung über die Altersreform 2020 wird für die Zukunft unserer Renten wegweisend sein. Vieles wurde schon geschrieben, Befürworter und GegnerInnen äussern sich in den Medien. Deshalb nur ganz kurz: wir haben für diesen Kompromiss in der Frühlingssession hart gekämpft und viele Tage in den Kommissionen gearbeitet. Beide Seiten mussten Zugeständnisse machen. Nun entscheiden Sie über die Vorlage. Ich persönlich stehe klar für ein JA ein. Denn einen kleinen Schritt vorwärts zu machen ist besser als still zu stehen und nicht zu wissen, wie es weitergeht oder was eine neue Vorlage beinhalten würde. Mir ist klar, dass der vorliegende Vorschlag die Renten nicht für zwanzig Jahre sichert. Aber sie gibt uns Luft für die nächsten zehn Jahre, um weitere Massnahmen zu entwickeln und weitere Schritte zu planen. Deshalb lege ich auch Ihnen ein Ja sehr ans Herz, ein Ja für den gut schweizerischen Kompromiss!

Kommen wir zurück zum Geburtstag unseres Landes. Auch wenn der Rütlischwur am 1. August 1291 nur eine Legende ist, so oder so ähnlich wird es sich irgendwann zugetragen haben. Bereits Schiller hat mit seinem Wilhelm Tell ein Drama geschrieben, das diesen Moment beschreibt. Auf jeden Fall ist es so, dass aus einem locker organisierten Staatenbund im Laufe der Zeit die Schweizerische Eidgenossenschaft entstand und seit 1848 leben wir in einem Bundesstaat mit der Bundeshauptstadt Bern und einer Bundesverfassung als Basis.

Noch gut erinnere ich mich an die 700-Jahr Feier der Schweiz und doch ist seither schon wieder mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen! Unglaublich, wie schnell wir älter werden. In der heutigen Zeit ist Vieles schnelllebig und die Meisten von uns haben vollgepackte Terminkalender, so dass die Zeit zu rasen scheint. In den sozialen Medien sehen wir, was unsere Freunde, KollegenInnen oder Weggefährten alles erleben und dokumentieren. Wir sind einem gewissen Druck ausgesetzt auch mitzumachen und unsere Zeit zu füllen. Neben unserer abwechslungsreichen Freizeit sind wir auch im beruflichen Alltag mit einem höheren Tempo konfrontiert. Die technischen Hilfsmittel verändern sich ebenfalls ständig und wenn ich ein Computerprogramm endlich richtig gut verstehe, gibt es eine neue Version und das Gewohnte funktioniert schon wieder anders. Lebenslanges Lernen und stetige Weiterbildung wird grossgeschrieben und wir sind stets aktiv.

Ich will damit ganz und gar nicht das Neue oder die Digitalisierung schlecht reden. Jede Veränderung birgt Chancen und Risiken. Veränderungen gehören zum Leben. Trotzdem ist ein Geburtstag oft eine gute Gelegenheit wieder einmal kurz inne zu halten und Bilanz zu ziehen. Sei dies am eigenen Geburtstag, an einem Firmenjubiläum oder eben am 1. August. Wir wollen nicht vergessen, gelegentlich darüber nachzudenken, ob wir in einem Gleichgewicht leben. Stimmt unsere Work-Life-Balance? Gibt es in meinem Leben auch Zeit für Musse? Pflege ich meine Freundschaften auch in direktem Kontakt oder nur noch via soziale Medien? Vielleicht haben Sie sich gerade heute mit Menschen verabredet, die Sie sonst nur selten sehen? Dann haben Sie eine gute Entscheidung getroffen. Denn ein freier Abend mit einem gemütlichen Zusammensein mit Freunden, Bekannten und KollegenInnen gibt Kraft und motiviert, auch wenn wir morgen alle an den Arbeitsplatz zurückkehren und unsere täglichen Pflichten erfüllen. Die Erinnerung an eine schöne Feier begleitet uns.

Aber, nicht jede und jeder von uns festet und feiert gerne an seinem Geburtstag. Einige ziehen sich an diesem Tag zurück. Aber wenn wir uns entscheiden, ein Fest zu machen oder als Gast eingeladen sind, wird es – im besten Fall - immer zu einem schönen und unterhaltsamen Erlebnis, das wir aufgestellt und zufrieden verlassen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, dass es Ihnen heute ebenso ergeht und Sie heiter und munter den restlichen Abend zusammen verbringen.

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