Gesundheitspolitik

Seit gut einem Jahr bin ich Mitglied der Kommission für Soziales und Gesundheit (SGK) des Nationalrates. Durch andere Ämter und Funktionen habe ich schon viel länger einen Einblick in die schweizerische Gesundheitspolitik auf den verschiedenen Ebenen und aus verschiedenen Blickwinkeln. In dieser Zeit bin ich vielen Herausforderungen und Schwierigkeiten in diesem Bereich begegnet. Und leider habe ich bis heute aufgrund starrer Strukturen wenig Chancen und Möglichkeiten gesehen, im Grossen Dinge zu verändern, so dass die Bevölkerung einerseits gesünder ist und anderseits die Kostenexplosion eingedämmt werden kann.

Es gibt klar geregelte Zuständigkeiten zwischen Bund und Kantonen. Und wir haben eine enorme Anzahl von Gesetzen, Verordnungen, Reglementen und Weisungen sowohl auf Bundesebene als auch in jedem einzelnen Kanton. Hätten wir eine schweizweit einheitlichere Gesundheitspolitik oder zumindest Rahmengesetze, so könnten Massnahmen nachhaltiger und einfacher umgesetzt werden. Auch die Kosten wären einfacher zu kontrollieren. Heute verdienen sehr viele Akteure sehr viel Geld im Gesundheitswesen und kaum jemand ist bereit auf einen Teil davon zu verzichten. Als Beispiele nenne ich Spitäler, Chirurgen, Krankenkassen, Pharmabranche. Daneben gibt es eine grosse Anzahl Menschen, wie bspw. die Pflegenden, die aus meiner Sicht für ihre wertvolle Arbeit zu wenig verdienen, über zu wenig Kompetenzen verfügen und kaum Würdigung erfahren.

Die Patientinnen und Patienten indes interessiert vor allem, dass sie bei Unfall oder Krankheit möglichst unkompliziert und rasch gesunden können, und dass die Krankenkassenprämien und Selbstbehalte bezahlbar sind.

Verschiedene Akteure im Gesundheitswesen fordern unter anderem Strategien, Qualitätskontrollen, Präventionsprogramme. Dazu werden Impfprogramme, Register, qualifiziertes Personal, gute Arbeitsbedingungen und vieles mehr erwartet. Diese Anforderungen sind sehr vielschichtig, wichtig und kostenintensiv.

Wo können wir als Kommission oder als einzelne Politikerin oder Politiker ansetzen? Ich glaube, dass es neben kleinen Veränderungen im KVG oder den Forderung nach tieferen Medikamentenpreisen und die Vermeidung von doppelten Untersuchungen auch weitere Massnahmen braucht, damit wir langfristig substantiell etwas verändern können. Wäre es nicht an der Zeit für eine gesamtheitliche Sichtweise? Ist es nicht längst überfällig, dass wir mit dem ewigen Flickwerk aufhören und einen neuen Ansatz suchen, wie unser Gesundheitswesen langfristig finanzierbar und für alle bezahlbar wird? Wie würden wir heute, könnten wir auf einer grünen Wiese bauen, das Gesundheitssystem in der Schweiz konstruieren?

Aber auch Streitereien wie bspw. aktuell bei Tarmed müssen beigelegt werden. Veraltete Tarife müssen rascher den gegebenen Umständen angepasst werden, auch wenn es für den einen oder anderen Akteur bedeutet, auf etwas verzichten zu müssen. Auch diese involvierten Institutionen oder Berufsgruppen müssen eine Gesamtsicht einnehmen und die Gesamtausgaben im Blick haben. Was sicher schwierig ist.

Leider habe ich keine Patentlösung bereit. Folgendes erscheint mir unter anderem wichtig:

  • Prävention
    Ich bin überzeugt, dass sie langfristig zu Minderausgaben führt. Einige der Folgepunkte gehören im Grunde genommen ebenfalls in diesen übergeordneten Themenbereich. Warum nicht eine grosse Kampagne führen, die über verschiedene Aspekte von Prävention informiert?
  • Gesellschaft und Ethik
    Es muss öffentlich darüber diskutiert werden, was wir uns leisten wollen und was es kosten darf. Unangenehme Fragen, wie beispielsweise nach einer Altersobergrenze für bestimmte Eingriffe müssen gestellt werden. Was sind unsere Ansprüche?
  • Einfluss der Psyche auf unsere Gesundheit
    Körper und Geist beeinflussen sich gegenseitig. Warum betrachten wir Krankheiten nicht öfters von beiden Warten aus? Eine Behandlung könnte deutlich effektiver werden.
  • Ernährung
    Sie hat einen direkten Einfluss auf unsere Gesundheit. Wie ernährt man sich einfach und gesund? Wer beeinflusst unsere Wahrnehmung bezüglich Ernährung?
  • Bewegung
    Jeden Tag zu Fuss unterwegs sein fördert die Fitness und ist auch umweltschonend. Wie können wir Menschen dazu bewegen, sich im Alltag mehr zu bewegen?
  • Stress und Erwartungen
    Es ist verheerend, sowohl am Arbeitsplatz als auch im Privatleben ständigen Erwartungen und Termindruck ausgesetzt zu sein. Wie können wir unser Leben entschleunigen und Lebensqualität gewinnen?
  • Transparenz
    Wie können wir vermeiden, dass die Akteure im Gesundheitswesen in Interessenskonflikte geraten? Können wir vermeiden, dass die gleichen Personen mehreren Verwaltungsräten, Vereinen oder Krankenkassen angehören?
  • Qualität
    Wie sieht eine gute Qualität im Gesundheitswesen aus? Was sind wir gewillt, dafür zu bezahlen?

Einzelne Punkte aus dieser Aufzählung werden bereits isoliert diskutiert. Wenn wir sie auf politischer Ebene und in der breiten Gesellschaft als Ganzes diskutieren, kommen wir weiter bei der Suche nach einer langfristig tragbaren und finanzierbaren Lösung für unsere Gesundheitspolitik. Ich wünsche mir von den Experten und Expertinnen eine klare unabhängige Evaluation darüber, was gut läuft, was verändert werden muss um folgende Ziele zu erreichen: Den PatientInnen bestmöglichste Angebote zu bieten, diese finanzierbar sind, die Solidarität der Bevölkerung weiterhin spielt und wir am Schluss weiterhin sagen können: wir sind stolz (immer noch) auf unser Gesundheitssystem.

PS: Folgende Anfrage habe ich bereits vor einigen Jahren eingereicht:
Gesundheitskosten. Sparen, aber wie?

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