Wochen gegen Menschenhandel

Es ist mir eine Ehre, dass ich am 18. Oktober die Eröffnungsrede für diese Veranstaltung halten durfte.

Yvonne Feri, Nationalrätin, Präsidentin Stiftung Kinderschutz Schweiz
Es gilt das gesprochene Wort

Wochen gegen Menschenhandel – Eröffnung 18. Oktober 2017

Geschätzte Anwesende

Es ist schön, dass mir heute, im Rahmen dieser wichtigen Wochen gegen Menschenhandel, die Ehre zukommt, die Eröffnungsrede zu halten. Vielen Dank, dass Sie mir ein paar Minuten Ihrer Zeit schenken.

Menschenrechte und Kinderschutz sind Herzensangelegenheiten von mir. Und in diesem Umfeld gibt es sehr viele Problemfelder die mit Menschenhandel im Zusammenhang stehen Deshalb stimmt es mich zuversichtlich, dass es mit der Aktionswoche gegen Menschenhandel und dem Busprojekt Instrumente gibt, welche die Bevölkerung auf diese Verbrechen aufmerksam machen und ihr Bewusstsein dafür schärfen.  Die Internationale Organisation für Migration IOM stellte 2016 fest, dass mehr als 70% aller MigrantInnen, welche die Mittelmeerroute für ihren Weg von Afrika nach Europa benutzten, Ausbeutung oder Praktiken, die Menschenhandel gleichkommen, erlebten. Liebe Anwesende, ist diese Zahl nicht erschreckend?

Drei Dinge müssen gemeinsam auftreten, damit die international gültige Definition von Menschenhandel erfüllt ist. Dazu gehören Aktion, Mittel und Zweck. Für die Aktion benutzt der Menschenhändler/die Menschenhändlerin unerlaubte Mittel, wie beispielsweise Drohungen. Und das Ziel dieser Aktion ist die Erfüllung eines bestimmten Zwecks. Beim Menschenhandel besteht der Zweck immer in der Ausbeutung, sei dies die sexuelle Ausbeutung, die Ausbeutung der Arbeitskraft oder sogar die Entnahme von Körperorganen – eines der schlimmsten Verbrechen, welches ich mir überhaupt vorstellen kann, insbesondere auch, da dies oft unter misslichen Umständen geschieht.

In der Realität heisst das, dass Menschen in ein Abhängigkeitsverhältnis gebracht werden und anschliessend wird die so erlangte Machtposition ausgenutzt. Die Formen des Menschenhandels sind vielfältig und verändern sich ständig. Die TäterInnen sind flexibel und kennen keine moralischen Grenzen. Ihre Taktik passt sich stets an und sie sind gut vernetzt. Geschätzte Gäste, was für ein Menschenbild haben diese Täter und Täterinnen? Für mich unvorstellbar.

Das Bundesamt für Polizei hat ein Papier mit dem Titel «Menschenhandel – eine moderne Form der Sklaverei» herausgebracht. Dieses ist sehr lesenswert. Unter anderem wird die Definition von Menschenhandel ausführlich beschrieben und erklärt. Es wird ausserdem darauf hingewiesen, dass Menschenhandel nicht gleichzusetzen ist mit Menschenschmuggel. Schlepper erfüllen also nicht den Tatbestand des Menschenhandels. Und trotzdem stehen Menschenhandel und Menschenschmuggel oft in einem engen Zusammenhang: Nicht selten folgt einem Schlepperverhältnis nach der Ankunft im Destinationsland ein Ausbeutungsverhältnis, um z.B. die Reiseschulden abzuarbeiten.

Viele Schweizerinnen und Schweizer möchten glauben, dass es bei uns keine solchen Verbrechen gibt. Doch leider ist dem nicht so. Ebenfalls im genannten Papier der Polizei steht, dass Menschenhandel in der Schweiz meist im Zusammenhang mit Migration steht und das Hauptproblem die Ausbeutung in der Sexarbeit ist. Aber es gibt zunehmend auch Fälle, wo es um die Ausbeutung der Arbeitskraft in anderen Bereichen geht. Unglaublich und erinnert mich an die schrecklichen Zeiten des Sklavenhandels.

Die Ausbeutung nimmt oftmals schon lange vor der Ankunft in der Schweiz ihren Anfang. Menschen ohne Perspektiven werden mit falschen Versprechen in die Schweiz gelockt. Dabei kann es sich um ein Heiratsversprechen oder das Versprechen auf einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz handeln. Diese Menschen leben in ihrer Heimat oft in Armut und träumen von einer goldenen Zukunft in einem reichen Land. Die Reise lassen sie sich finanzieren und schon geraten sie damit in ein Abhängigkeitsverhältnis.

Aber gleichzeitig dürfen wir uns nicht nur auf das Bild von afrikanischen MigrantInnen, die über das Mittelmeer zu uns kommen, fixieren. Es gibt beispielsweise auch viele Frauen und Kinder aus Osteuropa oder Asien, die Opfer von Menschenhandel werden.

Als Nationalrätin weiss ich, dass es bei uns Gesetze gibt, um den Menschenhandel zu bekämpfen. In der Schweiz gibt es die Koordinationsstelle gegen Menschenhandel und Menschenschmuggel (KSMM) und das Kommissariat Pädophilie, Menschenhandel, Menschenschmuggel. Das grosse Problem liegt darin, dass diese Verbrechen im Verborgenen stattfinden. Die Dunkelziffer ist riesig und ich glaube, dass nur die Spitze des Eisbergs aufgedeckt wird. Deshalb ist es unsere Pflicht hinzuschauen. Ziel der Präventionskampagne in dieser Woche ist es, die Menschen auf verschiedenen Ebenen für die Problematik zu sensibilisieren. Dazu gehören nicht nur die breite Bevölkerung, sondern auch Fachpersonen wie beispielsweise aus der Strafverfolgung oder dem Opferschutz. Sie alle, welche hier sind!

Neben meiner Arbeit als Nationalrätin, setze ich mich für die Belange der Frauen ein und bin ausserdem Stiftungsratspräsidentin der Stiftung Kinderschutz Schweiz. Deshalb möchte ich in den kommenden Minuten den Fokus besonders auf die Frauen und Kinder lenken. Mir ist absolut bewusst, dass auch Männer von Menschenhandel betroffen sind. Ihre Fälle stehen in der Schweiz oft im Zusammenhang mit Arbeit – oft Bau-, Gastgewerbe oder als Hilfskräfte auf dem Land. Es gibt Zahlen die besagen, dass drei Viertel der Opfer von Menschenhandel weltweit Frauen oder Mädchen sind. Deshalb verdienen sie unsere besondere Aufmerksamkeit.

Ich habe von einer jungen Frau aus Marokko gelesen, die von einer Bekannten in die Schweiz geholt wurde. Eine schulische Ausbildung wurde ihr in Aussicht gestellt. Schlussendlich endete sie als illegale Angestellte, die schikaniert wurde und ohne Lohn die ganze Hausarbeit für ihre Bekannte erledigen musste.

Oftmals geht es im Zusammenhang mit Ausbeutung von Frauen um Sexarbeit. Dies ist gleichzeitig auch die häufigste Form des Menschenhandels in der Schweiz. Junge Mädchen und Frauen werden auch hier durch falsche Versprechen in unser Land gelockt. Sie werden mit guten Verdienstmöglichkeit geködert, so dass sie ihre Familien in der Heimat finanziell unterstützen können. Sind sie dann erst mal hier, sieht die Realität anders aus. Sie werden zur Prostitution gezwungen und die Bezahlung ist längst nicht so hoch wie erwartet. Sie lassen sich darauf ein ihren Körper zu verkaufen, weil sie keinen Ausweg aus ihrer Situation sehen.

Ebenfalls unseren besonderen Schutz benötigen die Kinder. Wie die Stiftung Kinderschutz Schweiz auf ihrer Webseite schreibt, versteht man unter Kinderhandel die Verbringung eines Kindes an einen anderen Ort, die Übergabe an eine Drittperson oder die Entgegennahme eines Kindes mit dem Ziel, das Kind auszubeuten. Neben dem Zwang zu Diebstahl und Betteln geht es auch hier um die sexuelle Ausbeutung. Aber es gibt auch minderjährige Hausangestellte. Wie die Stiftung Kinderschutz Schweiz richtig erkannt hat, ist die verstärkte Erkennung und Identifizierung von Opfern der Schlüssel, um den Betroffenen die nötige Betreuung und Unterstützung zukommen zu lassen. Damit minderjährige Opfer diesen Schutz auch erhalten, ist es besonders wichtig, dass auch Betreuungs- und Lehrpersonen (z.B. im Asylbereich) sensibilisiert werden, um eine Risikosituation rechtzeitig erkennen zu können und zu wissen, was bei einem Verdacht zu tun ist. Die Stiftung Kinderschutz Schweiz hat dazu eine neue Broschüre spezifisch für Fachpersonen aus dem Asylbereich entwickelt.

Es ist unsere Aufgabe, die Augen offen zu halten. Die Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration FIZ zählt in einer Broschüre auf, welche Arbeitsbedingungen hellhörig machen müssen. Zu ihrer Aufzählung gehören geringer Lohn, unzumutbar lange Arbeitszeiten und mangelnde Schutzmassnahmen. Sie haben auch eine Liste mit Lebens- und Wohnbedingungen, die auf Menschenhandel hinweisen können. Dazu gehören beispielsweise reduzierte Nahrung, nur kontrollierter Zugang zu medizinischer Versorgung, überfüllte Gemeinschaftsräume, mangelnde private Rückzugsmöglichkeiten, Schlafen am Arbeitsort oder eine mangelhafte hygienische Infrastruktur.

Wenn wir Opfer vermuten, müssen wir Mittel und Wege finden, diesen Menschen zu helfen und sie zu schützen. Viele von ihnen leben illegal in der Schweiz, was von den TäterInnen oft als Druckmittel gegen sie verwendet wird. Sie kennen ihre Rechte nicht und sprechen unsere Sprache nicht. Oder sie werden sogar eingesperrt. Deshalb brauchen sie Hilfe von aussen. Nicht immer können wir selbst helfen, aber wir unterstützen Betroffene auch, indem wir Verdächtigungen den Behörden melden. Die Opfer wissen meistens nicht, dass wir in der Schweiz ein Opferhilfegesetz haben. Dieses besagt, dass jeder Person, die in der Schweiz durch eine Straftat in ihrer körperlichen, sexuellen oder psychischen Integrität beeinträchtigt wurde, Beratung und Hilfe zustehen. Gut, dass es ein solches Gesetz gibt, aber das allein genügt nicht. Die Opfer müssen Kenntnis davon haben und brauchen rasch, niederschwellig Unterstützung und Hilfe. Und die Politik muss die notwendigen Ressourcen dafür bereitstellen.

Wir alle können mithelfen Menschenhandel in der Schweiz aufzudecken und zu bekämpfen, indem wir uns mit dem Thema auseinandersetzen und unsere Augen für mögliche Hinweise offenhalten. Deshalb bin ich froh, dass Sie alle hier und jetzt an diesem Tag hier sind. Dafür bedanke ich mich sehr – nur durch die Sichtbarmachung dieser Gräueltaten können wir diese auch verhindern versuchen. Ich danke Ihnen.

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